Zehn große Freiheiten

 

Die Anregung zu diesem Beitrag erhielt ich durch die
Gedanken zum ‚Leitspruch 2006‘.

              Fulbert Steffensky hat in einem Büchlein
„Zehn Gebote – Anweisungen für das Land der Freiheit“
Gedanken festgehalten, von denen ich einige aufgenommen habe.
Sie sind durch Schrift in dieser Farbe gekennzeichnet.

     

Messstab
Maßstab für Lebensgestaltung in Liebe und Freiheit

Eingeleitet werden die Gebote so: Ich bin der Herr, dein Gott – eine Liebes-Erklärung -, der dich aus Ägyptenland herausgeführt hat – eine Freiheits-Zusage. Die ‚Zehn Gebote‘ sind eine  ‚Anleitung zum Leben in Liebes-Bindung an Gott‘ und eine ‚Anleitung zu einem Leben in Freiheit‘. ‚Bindung‘ und ‚Freiheit‘ sind kein  Widerspruch, sondern sie sind Entsprechung: Ohne Bindung keine Freiheit!   

Die Erfahrung der ‚Nähe Gottes‘ hat etwas mit der eigenen ‚Lebensgestaltung‘ zu tun. Es ist ein ‚Bedingungsgefüge‘.

FreiheitBindungOhne Bindung keine Freiheit


Über dieses „Gesetzbuch“ sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen,
damit du darauf achtest, genau so zu  handeln, wie darin geschrieben steht.
Dann wirst du auf deinem Weg Glück und Erfolg haben.
Buch Josua 1,8


 DIE ZEHN GROSSEN FREIHEITEN

Folgerichtig hat jemand die zehn Gebote als die „zehn großen Freiheiten“ bezeichnet und festgestellt, dass das uns geläufige „Du sollst nicht … “ genau übersetzt „Du brauchst nicht …“ heißt.

Die Gebote sind nicht die Begrenzung der menschlichen Lebensmöglichkeiten. Sie sind die Verlockung zu größerem Reichtum für alle. Alle gewinnen, wenn sie die Gesetze Gottes halten. Wer nicht tötet und nicht Gewalt anwendet, wie es das fünfte Gebot verlangt, der schont nicht nur seinen Feind; dem wird das Leben selber anders einleuchten.

Die ersten drei Gebote sind so etwas wie eine Präambel. Die hier enthaltenen Aussagen sind Voraussetzung für das Verständnis und die Umsetzung der später folgenden sieben Gebote.


 

ERSTES GEBOT

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter neben mir haben.

Das ist nicht der erhobene Zeigefinger dessen, der um seinen Einfluss bangen muss. Es ist vielmehr ein Angebot, das in die innere Freiheit führt. Aus dieser Bindung entsteht die eigene Mitte. Diese wiederum bestimmt den Umgang mit Menschen, Dingen und Verhältnissen. Anders gesagt: Die Bindung an die Mitte schützt vor Abhängigkeit. 

Einewundervolle Freiheit: etwas sein zu dürfen und nicht alles sein zu müssen; etwas über sich selber aussagen zu können und Gott die Einzigartigkeit zu überlassen; die Freiheit, nicht über die anderen triumphieren zu müssen. ………. Wenn wir als Kirche den Siegeszwän-gen entkommen, dann wird unser Glaube einleuchtend; einleuchtend für uns selber, für unsere Kinder und vielleicht sogar für die, die ihn nicht mit uns teilen.

Anstöße

  • Was brauche ich, um mir diese Mitte zu erhalten?
  • Wo bin ich von Bedingungen meines Lebens abhängig?
  • Hat solche mögliche Abhängigkeit mit dem Verlust meiner „Mitte“ zu tun?

Zum Thema ‚Mitte‘ auch hier.


 

ZWEITES GEBOT

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des,das im Wasser unter der Erde ist. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Bilder beeinflussen. Das Bild ist ein Machtmittel, mit dessen Hilfe man Abgebildetes und die angebildete Person manipulieren kann.In früheren Zeiten gingen Menschen von der „magischen Macht“ der Bilder aus. Die Macht des Bildes zeigt sich heute anders.

Das Bild, das immer nur den Moment festhält, also Bestehendes abbildet, wird gleichzeitig bestimmend für die Entwicklung. Es gilt nur das Abgebildete. Das Bild besetzt so gesehen die Zukunft. Das zweite Gebot will die Freiheit hüten und vor Festlegung schützen.

Diese Freiheit ist existentiell bedeutsam. Mit seiner Gegenwart in jedem Menschen gilt diese Freiheit der Entwicklung auch für Gott. In eine ‚Schublade‘ zugeordnet sind Freiheit und Entwicklung auch in spiritueller Hinsicht mindestens erheblich einge-schränkt. 

Von der Freiheit der Entwicklung, die ich mir und anderen gewähre, ist auch die ‚Freiheit‘ Gottes berührt. Im ‚Lobgesang‘ Marias ist von ihr überliefert: Meine Seele macht Gott groß! Jesus selbst hat eine so verstandene Freiheit gelebt und sich für sie eingesetzt.

‚Es gibt nur eine Möglichkeit, diesem ‚Sich-ein-Bild-Machen‘ zu entkommen, es gibt nur eine Möglichkeit, dieses Gebot zu halten: die Liebe“! (Dorothee Sölle)

Der zweite Teil dieses Gebotes berührt die Beziehung. Beziehung drückt sich im Aussprechen des Namens aus. Wir kennen die Enttäuschung, die wir empfinden, wenn jemand unseren Namen nicht weiß, dessen Beziehung uns wichtig ist. Im Gebet trete ich in Beziehung. Ich ‚benenne‘ die meinen Leben sinngebende Instanz in ihrer oben beschriebenen Weite und spreche sie an. Um meines Lebens willen ist sie geschützt.

Überall, wo die Bilder und die Namen Gottes nicht mehr Sprachversuche und Annäherungen sind; wo die Namen und Bilder nicht mehr große Liebesspiele sind, sondern als endgültige Feststellungen und Klarlegungen begriffen werden, da besteht die Gefahr, einen Götzen zu haben statt einen Gott. ….. Sie nennen ihn, alle Festlegungen übersteigend, Luft, Grund, Nacht, Wasser, Quell, Wunder, Morgenglanz, Licht. Diese Bilder haben kein Geschlecht mehr, sie sind weder männlich noch weiblich. Die Sprache wird schön wie die Sprache der Poesie und der Liebe. Gott, der uns dem Sklavenhaus geführt hat, will mit seinen Geboten unsere Freiheit, auch die Freiheit und die Schönheit unserer religiösen Sprache. Es ist schade, dass wir religiös so spracharm sind. Gerade habe ich ein Enkelkind beobachtet, wie es unentwegt von einer Treppe in die Arme seiner Großmutter sprang. Es hatte keine Angst, da­neben zu springen und zu stürzen. Es sprang und wusste, dass es aufgefangen wird. Wir müssen es auch mit der Sprache unseres Glaubens so machen: springen, spielen, probieren und wissen, dass man bei diesem Gott nicht daneben springen kann. Nicht theologische Korrektheit sollte das Ziel jener Sprache sein, sondern der Versuch, das Geheimnis zu berühren, selbst wenn man sich gelegentlich die Finger verbrennt.

Anstöße

  • Welche Freiheit der Entwicklung gestehe ich mir zu?
  • Welche Freiheit der Entwicklung gestehe ich anderen zu?
  • Gott ‚verwirklicht‘ sich in meiner Freiheit – was bedeutet das für die Gestaltung meines Lebens?

 


 

DRITTES GEBOT

Du sollst den Feiertag heiligen.

Es ist heute erwiesen, dass der Schutz des Sonntags für die Psyche und die Ökonomie gleichermaßen wichtig sind. Der Rhythmus einer Alltags(Arbeits)-Woche und des „Feiertages“ ist ein lebensbejahender.

Der ’siebte Tag‘ ist der Tag des Innehaltens. Damit erhält die Alltags-Woche mit ihren Aktionen ein re-aktives Gegenüber. Der siebte Tag meint die Betrachtung von der Mitte her. Spirituell ausgedrückt: Das Tun mit den Augen Gottes betrachten. Das hat Einfluss auf das Eingebundensein in berufliche Zusammenhänge und auf die Gestaltung von Beziehungen – auch für die nächste Woche mit ihren Aktivitäten.

Jeder Gottesdienst hat diese Funktion der „Betrachtung mit den Augen Gottes“. Mindestens gibt er das ‚Handwerkszeug‘ für diese Blickrichtung.

Seine Sehnsucht und seine Wünsche machen den Menschen schön. Die Freiheit der Menschen beginnt, wo sie von der Freiheit träumen. Welche Schönheit liegt in der Feier des Sabbats oder des Sonntags! Welche Kühnheit der gegenwärtigen Lebensplage, dem knechtischen Leben mit dem Sonntag sein endgültiges Recht zu bestreiten; sich die Poesie der Lieder und der Gebete zu erlauben; andere Kleider anzuziehen und zu essen und zu trinken und damit den zu spielen, den man erst werden wird!

 

Anstöße

  • Manchmal gibt es im Alltag Stress. Der entsteht meist dann, wenn ich selbst in den Abläufen nicht mehr vorkomme. Was bedeutet in einer solchen Situation die oben genannte ‚Betrachtung‘? 
  • Welche Struktur gebe ich meinem ’siebten Tag‘?
  • Gegen die Leere

 

Mit diesen ersten drei ‚Freiheiten‘ sind die ‚Grund-Voraussetzungen‘ genannt,
die sich auf das Miteinander auswirken.


 

VIERTES GEBOT 

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren; damit es dir gut ergeht und du lange auf Erden lebst.

Es ist das einzige Gebot, das mit einer Verheißung verknüpft ist. Die Achtung der älteren Generation hat etwas mit gesellschaftlicher Zufriedenheit zu tun – heute wie damals. Auch mit Blick auf die gegenwärtige Familien-Diskussion ist das ein wichtiger Aspekt. Das Faktum ‚Eltern-Kinder‘ hat also eine herausragende Dimension!

Aus den Konflikten zwischen Eltern und Kindern erwachsen Fehlhaltungen, die manchmal in späteren Jahren unfangreichen therapeutischen Einsatz erfordern. Mangelnde Geborgenheit auf der einen Seite und mangelnde Forderung auf der anderen Seite produzieren gehemmte und reaktiv-elterngebundene, nicht produktiv-eigenständige Kinder. Nähe, Weisungen und Grenzen ‚ehren‘ das Kind, wenn sie aus Liebe geschehen.

Dieses Gebot belebt auch alle Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen, die Eltern und Kinder in der Zeit der Reifung erleben. Eltern müssen gleichzeitig Halt geben und los lassen. Die heranwachsenden Kinder suchen nach ihrer eigenen Position, suchen nach Orientierung und brauchen gleichzeitig das ‚bergende Nest‘: Diesen „Spagat“ müssen beide aushalten und als wichtige Voraussetzung für Reifung verstehen – auch die Eltern! Sie lernen in dieser Phase des Lebens mit solchen grundsätzlichen Fragen wie ‚Deine Kinder sind ein Geschenk, kein Besitz‘ umzugehen und den Schmerz der Ablösung als Hinweis auch auf die eigene Autonomie zu verstehen. 

Das könnte übrigens auch ein Aspekt für ‚Ermutigung zum Kinderkriegen‘ sein!

‚… vielleicht wäre allen ein bisschen geholfen, wenn sie sich so verhielten, als hätten Jugendliche ein Warnschild umhängen, auf dem steht: ‚Achtung! Wegen Bauarbeiten an Hirn, Herz und Hormonen kommt es vorübergehend zu Unannehmlichkeiten. Wir bitten um Verständnis.‘ Harald Willenbrock, in GEO (09/05) .

Und auch dieses gilt: Eltern, die ihr eigenes ‚inneres Kind‘ kennen, ehren und auch pflegen, werden bei aller Autorität ‚Gefährtinnen der Liebe‘ sein und Beispiel für das spätere Ehren und Lieben der Kinder geben.

Gebote treten ein für die Verletzlichen, für die Ungeschützten, für ihre Freiheit und für ihr Wohlergehen. Nun sollte das vierte Gebot plötzlich für die reden, die die größere Macht haben, für die Macht der Eltern über ihre Kinder? … Die Alten sollen nicht geehrt werden, weil sie so ehrbar sind, sondern weil sie es brauchen; weil sie, je älter sie werden, um so mehr zu den Geringen im Land werden. Für diese aber tritt das Gebot ein.

Anstöße

  • Sehe ich die Gestaltung meiner Beziehung zu meinen Eltern oder älteren Menschen als Beitrag zu gesellschaftlicher Zufriedenheit?
  • Kann ich die Auseinandersetzungen mit meinen Eltern oder die mit meinen Kindern als Prozess eigener Reifung und damit als ‚Geschenk‘ verstehen?
  • Welches Verhältnis habe ich zu meinem ‚inneren Kind‘?
  • Entspringen Weisungen an (meine) Kinder oder auch die an mein ‚inneres Kind‘ der Liebe?

 


 

FÜNFTES GEBOT

 Du sollst nicht töten!

Leben und Tod sind gegebene Realitäten. Ich mache weder Leben noch Tod. Diese Paradigmen stehen durch wissenschaftliche Forschung in der Diskussion.

Spirituell gesehen aber bleiben Leben und Tod Geschenk! Im Vertrauen auf den ‚Sinn des Geschenks Leben‘ und den ‚Sinn des Geschenks Tod‘ bleibt: Du hast es nicht nötig, über Leben und Tod zu entscheiden. Du hast es nicht nötig, die Lebensvoraus-setzungen anderer oder auch die eigenen in Frage zu stellen.

Das gilt auch für allen körperlich Gesundheit einschränkenden Missbrauch, aber auch für den geistig-seelischen. ‚Sorgt der Mensch nicht genügend für Aktion und Durchblutung seiner geistigen Organe, so sind die Folgen meist schleichender, zunächst kaum merkbarer Art. Ganz harmlos kann es anfangen, um sich langsam, aber doch unaufhaltsam zu steigern: Langeweile und daraus resultierende schlechte Laune und Reizbarkeit; dann kommt die Öde und das Gefühl der Fragwürdigkeit – und dann kann das Leben ’sinn-los‘ werden.

Mit welcher enormen Energie, Zeit und Verschwendung von Geld und Lebensressourcen wird der Krieg studiert, die Aufrüstung vorangetrieben und wird die Verteidigung zum Lebenskonzept! Wie viel Geld aber hat man je ausgegeben für das Studium und die Übung der gewaltfreien Verteidigung? Dabei gibt es durchaus Modelle und historische Erfahrung im gewaltfreien Widerstand. Die ungeheure Verschwendung für die militärische Rüstung in allen Ländern zeigt, dass wir in unseren Kulturen immer noch mehr aufs Töten setzen als auf das Lebenskonzept des Gewaltverzichts.

Anstöße

  • Wie pflege ich meine geistig-psychischen Organe?
  • Gebe ich meinen Begabungen und Fähigkeiten Raum?
  • Trage ich mit dazu bei, dass Menschen ihren Lebens-Gestaltungsraum haben?

 

Gegen Gewalt – HIER


 

SECHSTES GEBOT

Du sollst die Ehe nicht brechen.

Diese sechste „Freiheit“ ist keine moralische Knebelung. Sie dient der Sicherung eines ‚Lebensraumes‘, in dem die Liebe ihre Entfaltungsmöglichkeit erhält. Die Liebe schafft den gesicherten Raum, in dem der geliebte Mensch er selber werden kann
(Romano Guardini). In der Geborgenheit des anderen selbst werden!

Spirituell heißt das: Die beiden Liebenden werden miteinander ein neues Wesen, eine neue Person und als diese Person stehen sie miteinander vor Gott. Das ist es, was gemeint ist mit ‚Sie werden ein Fleisch sein‘ – ein lebendiges Wesen, eine Person. In der beglückenden sinnlich-sexuellen Liebe zwischen Mann und Frau ereignet sich Gotteserfahrung!

Es fällt ja auf, dass es bei der Beschreibung der sexuellen Gefühle und der des religiösen Gefühls ganz ähnliche Worte gibt, zum Beispiel Worte wie ‚Fallen lassen‘, ‚Sich hingeben‘, ‚Sich verströmen‘ …

Zur Zeit der Entstehung der ‚Zehn Gebote‘ hatte die Sicherung einen sozial-pragmatischen Aspekt: Durch die Ehe war die Frau sozial gesichert. Das hat sich verändert und die soziale Sicherung ist auch bei einer Scheidung gewährleistet, jedenfalls in unserer demokratischen Gesellschaft. Dennoch bleibt, dass die Ehe der ‚Fürsorge‘ bedarf, weil sie eben in der beschriebenen Weise die ‚göttliche‘ Ebene berührt. Das gilt im übrigen für alle Formen von Lebensgemeinschaften.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schmerzlich es ist, wenn dieser Raum der Liebes-Entfaltung sich verliert, weil die unterschiedliche Reifung nicht die entsprechenden Voraussetzungen bringt, Krisen und Anfechtungen standzuhalten. Ich weiß aber auch um die Sehnsucht und das Ringen, weil die Ehe eben unter dieser höherdimensionalen ‚Verheißung‘ steht.

Wenn wir die Ehe mit einem Baum vergleichen, wäre die Liebe darin der Saft, der Blüten und Früchte hervorbringt. Im Winter aber verschwindet der Saft, und es bleibt vom Baum nur das dürre Holz zurück. Dies bedeutet die Treue. Das treue Holz hält über den Winter durch, auch wenn man glaubt, der Baum sei gestorben. Und im Frühling bildet dieses Holz gerade die Kanäle, durch die der Saft wieder hoch steigen kann. Dank der Treue, die die scheinbar tote Zeit überstand, wird an dieser Ehe einst die Liebe wieder hochkommen, und sie wird Blüten und Früchte hervorbringen, noch herrlicher als im Vorjahr. (Theodor Bovet)

Das sechste Gebot empfiehlt oder verbietet nicht eine besondere Art der Sexualität oder eine spezielle Lebensform. Es gründet Gemeinschaft … Des Friedens wegen soll es keine sexuelle Anarchie geben und sollen Menschen einander die Beziehungen nicht zerstören. …Es ist Zeit, dass wir die falschen Fragen und Fronten aufgeben; dass wir nicht mehr fragen, ob auch eine homosexuelle Liebe eine öffentliche Liebe sein darf; ob es andere Lebensformen als die der Ehe geben darf. Der Friede in den Beziehungen und die Würde der Liebe sind an anderen Stellen bedroht. Sie sind bedroht durch die öffentliche Schamlosigkeit….

Anstöße

  • Verstehe ich meine Lebens-Gemeinschaft als Entfaltungsraum der Liebe?
  • Was bedeutet es für meine geschlechtliche Gemeinschaft, die sinnlich-sexuellen Erfahrungen mit der Erfahrung Gottes in Verbindung zu setzen?
  • Wo möchte ich geschützt sein und wo schütze ich?

 


 

SIEBTES GEBOT

Du sollst nicht stehlen.

Die einschlägige Rechtsprechung nimmt mit entsprechenden Paragraphen dieses Gebot auf. Der Kaufhaus-Detektiv beruft sich letztlich auf dieses Gebot.‘

Es berührt aber auch ‚tiefere‘ Bereiche: Alle Menschen sollen zu ‚ihrem Recht‘ kommen. Jeder ist anderen ‚Gehilfe‘ mit allen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Sie vorzuenthalten, sie nur für die eigene Entwicklung zu nutzen, gehört auch in die Kategorie ‚anderen etwas wegnehmen‘. 

Mit der Globalisierung und der damit verbundenen Anonymisierung ist die Sicht dafür noch mehr getrübt. Dieses Gebot ist das Gebot globaler Überlebenshilfe! Dieses Gebot meint einen solidarischen Gemeinschaftssinn und nur in der gelebten ‚Reziprozität‘ von Geben und Nehmen wird dieses Gebot zur ’siebten Freiheit‘.

Wir alle stehlen, die wir mit unserem Kauf zulassen und fördern, dass die Waren unter miserablen Bedingungen in fernen Ländern produziert und Frauen (und Kinder) wie Vieh behandelt werden. …Wir sind nicht nur vor unserem Gewissen, wir sind auch für unser Gewissen verantwortlich. Wir sind dafür verantwortlich, dass wir gelernt haben, Recht von Unrecht zu unterscheiden.

Anstöße

  • Welche meiner Fähigkeiten und Möglichkeiten helfen anderen Menschen weiter?
  • Wo halte ich Fähigkeiten und Möglichkeiten zurück, die anderen Menschen (weiter)helfen könnten?
  • Wie drückt sich für mich ‚Solidarität‘ aus?

 


Die Gebote sind tot,
solange sie nur als Buchstaben auf Steintafeln
und nicht als Güte in meine Handfläche,
nicht als Redlichkeit in meine Zunge
und als Barmherzigkeit
in mein Herz geritzt sind.
Bernhard Langenstein


 

 

ACHTES GEBOT

Du sollst nicht lügen

Lügen suchen den Vorteil unter Täuschung des Vertrauens, das man in einem anderen hervorgerufen hat oder von dem man weiß,  dass er es schenkt. 

Eine etwas sperrige Definition, die aber deutlich macht, dass die Lüge als Angriff auf die Würde des Menschen zu sehen ist. Die Lüge gibt es auf, das ‚Krumme krumm sein zu lassen‘, und sie nimmt es in Kauf, durch ‚Geradebiegen des Krummen oder Krümmen des Geraden‘ die Ordnung zu verletzen.

Das gilt auch für unsere innere Dynamik. Aus nicht gelebter Stimmigkeit (Kongruenz) entsteht ‚ausweichendes Verhalten‘. In solcher Situation belügt sich der Mensch selbst; und wird diese Haltung zur Gewohnheit, verliert sich die Selbstbestimmung (Autonomie) immer mehr in die Abhängigkeit.

Diese achte Freiheit ist also kein moralisch erhobener Zeigefinger, sondern Hilfe zu Echtheit. Da diese Echtheit (Authentizität) auch Konflikte beinhaltet, ist sie nur im Vertrauen auf die stärkenden und schützenden Kräfte – ‚du brauchst nicht …‘ zu leben. Du bist frei, mit der Wahrheit zu leben und sie sich nicht zurecht drehen zu müssen.

Mit der Sprache sagen die Menschen nicht nur, was der Fall ist, die Sprache erschafft Welten. Wir sagen: ‚Ich liebe dich‘, und unsere Liebe gewinnt Gestalt. Wir sagen: ‚Ich vergebe dir‘, und eine neue Lebensmöglichkeit wird erreichtet. Das Leben findet nicht hinter dem Rücken der Sprache statt. Aber mit der Sprache können wir das Leben auch verwüsten. Es gibt die Verwüstung des Lebens durch die Lüge. … Was hieße es, wenn wir in einer Gemeinschaft lebten, in der sich einer auf das Wort des anderen verlassen könnte und in der keiner durch hinterlistige Reden niedergemacht würde? Was hieße es, wenn wir in einer Gesellschaft lebten, deren Informationen verlässlich und nachprüfbar wären und in der keine Gruppe die andere aus Profitinteressen verführte und in Lügenwelten verstrickte? Was hieße es, wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der sogar die Politiker die Wahrheit sagten? Vielleicht hat in den letzten Jahren nichts das Misstrauen in Politik und in gesellschaftliche Institutionen so sehr hervorgerufen wie die Wahrheitsunfähigkeit und die taktische Verlogenheit so vieler Mandatsträger. Sie zerstören damit die Wahrheitsfähigkeit von jungen Menschen, sie verwüsten die Welt ihrer Freiheit.

Anstöße

  • Wie gehe ich mit der „Macht meiner Sprache“ um?
  • Wo trage ich zur Wahrhaftigkeit bei und riskiere den Konflikt?
  • Wo fällt es mir schwer, die eigene Echtheit zu bewahren?

 


 

NEUNTES UND ZEHNTES GEBOT

 Du sollst nicht begehren …

Diese Gebote stellen die Frage nach unserem Verhältnis zu Beziehung, sozialem Gefüge und Besitz. Die eigenen Wünsche nach Beziehung, sozialer Bindung und Besitz berühren die Wünsche und ihre Realisierung anderer. Die legitime Befriedigung ‚ich brauche …‘ wird immer den Respekt vor dem ‚ich brauche …‘ anderer beinhalten.

Es geht um die legitime Befriedigung von Grundbedürfnissen einerseits und die Unersättlichkeit andererseits. Die Unersättlichkeit kennt den obengenannten Respekt nicht. Sie entspringt einem Defizit, das eine ungeheure Dynamik zu entwickeln in der Lage ist.

Dieses Defizit ist dadurch beschrieben, dass es eine tiefsitzende Leere (Sinn-Leere) gibt, die gefüllt sein will. Die Unzufriedenheit macht unersättlich nach ‚Ersatz‘. Das ‚Ich brauche …‘ wird zum ‚Ich muss haben …‘. Wo immer es Angebote gibt, wird fast zwanghaft zugegriffen. Alle Appelle an die Bereitschaft zum Miteinanderteilen werden als Angriff auf die eigene Existenz erlebt.

Diesem verhängnisvollen Mechanismus nicht ausgeliefert zu sein, bedeutet die Rückkehr zu einem heilenden Selbstbewusstsein, gehalten und geliebt zu sein. Unter solcher spirituellen Sicht wird es zu einem ‚Du brauchst nicht zu begehren …‘ kommen. 

Dieses Bewusstsein bewahrt auch vor einer „sauertöpfischen Haltung“ und vor falscher Demut, die die Bewunderung sucht. Ein einfach unterdrückter Impuls der Unersättlichkeit sucht sich nämlich andere Wege. Das ist vergleichbar mit dem Bau eines schlechten Staudammes, wo sich der Strom über Undichtigkeiten ein anderes Bett sucht.

Mit dem umfassenden Liebesgebot – Du sollst Gott lieben – die dich bewahrende Instanz in dir – und deinen Nächsten wie dich selbst‘  bleibt bei allen Befriedigungen das konstruktive Verhältnis zu den Dingen und Werten erhalten.

Siehe auch ‚Was biete ich?‘ – Sucht-Prävention.

Wonach man sich von Herzen sehnt, das ist unser Gott – oder unser Götze. Worauf geht unser Begehren, unsere Lebensintention, unsere Lebenskraft und unser Trachten? … Die Dinge werden zu Götzen, sie sollen dem Leben Sicherheit geben, wie eigentlich nur Gott das Leben behütet.

Anstöße

  • Wo berührt die Erfüllung meiner Bedürfnisse die anderer und wie verhalte ich mich dann?
  • Wie gehe ich mit Unzufriedenheit um, wenn ich sie in mir spüre?
  • Wie mache ich es mir bewusst, gehalten und geliebt zu sein? 

 

Ich freue mich auf einen möglichen  Austausch und bitte darum, mir gern eigene Gedanken mitzuteilen, die ich auf dieser Seite einfügen werde.  Das ist HIER möglich!

 

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