Weisheit des Alterns

                        

Anrede 1

1. Dezember 2012

Im nächsten Jahr feiere ich meinen 75. Geburtstag.

Für mich ist die Zeit der ‚Umdeutung‘ angebrochen. Es gilt verstärkt, ‚alte Bilder‘ aus der ‚Verhaftung‘ zu entlassen und ihre ‚Botschaften‘ für das Leben zu deuten.

Wir leben auf das Ende im ‚Diesseits‘ zu. Wenn wir das ‚Ende‘ als Übergang in eine ‚andere Realität‘ verstehen, dann stellt sich in verständlicher Weise die Frage: Und was nehme ich mit ‚hinüber‘?

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Aus Gewordenem ‚Nutzen ziehen‘

Diese Sicht allerdings bedarf eines ‚Vorlaufs‘. Der Vorlauf besteht darin, das eigene Leben immer wieder und fortlaufend zu bedenken. Das gilt für jede Altersstufe, natürlich immer unter ihren besonderen Herausforderungen. Im Psalm 90,12 heißt es: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Das ist Reifung der Lebens-‚Frucht‘!

Ich weiß ja nicht, wie alt ihr seid, die ihr diesen Brief lest – so ist das eben mit  ‚fiktiven‘ Briefen. Aber altersunabhängig aktuell ist, was  ich ausdrücken möchte.

Im Älterwerden und im Altern brauchen wir verstärkt ‚Anhalts-Punkte‘, also ‚Stationen des Anhaltens‘, um Orientierung zu finden. Ich hatte die Gelegenheit, anlässlich eines Referats von Dr.theol.Stephan Peek zehn Stationen zur ‚Sinnfindung im Alter‘ zu bedenken.

Ihr findet die zehn Stationen kurz skizziert. Sie können anregen, auch die jeweils aktuelle eigene Lebensstufe mit den ‚Augen der Reifung‘ zu betrachten.


1  Bewusstes Abschiednehmen von vorausgegangenen Zeiten …
Dazu gehört, dass ich den ‚aufbewahrten‘ Erfahrungen im Bewusstsein Raum gebe. So entsteht die Möglichkeit, vordergrün-dig Schweres zu verabschieden und die daraus gewachsene Haltung zu betrachten. So lautet meine an mich heute gestellte Frage: Welche Haltung kann mir  Perspektive geben?

2  Weiter führen oder aufgeben …
Haltungen also haben sich aus frühen Prägungen und später folgenden Erfahrungen entwickelt. Sie halfen und helfen der persönlichen Entwicklung, manchmal allerdings auch hinderten sie. Was und wie also ist sinnvoll weiterzuführen und was ist unbedingt aufzugeben?

3 Neue  Möglichkeiten entdecken …
Es gibt die Entdeckung des ‚ungelebten‘ Lebens. Was habe ich schon immer gewollt, aber nie umgesetzt? Das kann unabhän-gig vom Alter ein aufregender, mindestens anregender Schritt sein!

4  Nach der  individuellen ‚Lebens-Abschnitts-Aufgabe‘ fragen …
Wo bin ich ‚in mir‘ zu Hause?  Wo und wie möchte ich ‚für mich‘ leben? Sinnstiftendes muss sich ‚anfühlen‘ lassen und ‚tatkräftig‘ sein können.

5  Arbeit an der Ausrundung der Persönlichkeit …
Von dem Psychanalytiker C.G. Jung stammt der Ausspruch: ‚Die Seele will sich ‚runden‚. Dazu gehört, sich an die ‚Macken‘ zu erinnern, die die Rundung vielleicht verhinderten? (Siehe auch 2.) Wie wäre es, jetzt diese ‚Schatten-Realität‘ zu leben? Sicher, es ist ein Wagnis, sein Herz in dieser Weise zu öffnen – so aber erfahre ich Sinn!

6  Den Reichtum der inneren Welt entdecken …
Der Prophet Joel spricht so:  In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben. Den Nacht-Träumen also mehr Bedeutung schenken und so der ‚inneren Welt‘ auf die Spur kommen, kann eine neue Lebendigkeit bringen.

7  Hier und heute leben …
In der solcher Gegenwärtigkeit gibt es keine Langeweile. Achtsamkeit stützt Weiterentwicklung. Positive Haltungen kultivie-ren und sich im Hier und Jetzt annehmen: Was macht mich jetzt glücklich?

8  Nicht Leistungsverfall sondern der Leistungsverschiebung ist Kennzeichen des Alterns …
Der ‚Weisheit des Alterns‘ Raum geben. Es ist weise, nicht den ‚Verfall‘ zu bedauern, sondern die Veränderung zu leben.


Wann wird man alt?
Wenn man sich bückt,
um die Schuhe zuzubinden
und sich fragt,
was man noch tun könnte;
während man
schon mal unten ist.
George Bruns, amerikanischer Komiker


9   Erkrankung als Herausforderung neu ‚begreifen‘ …
Signale des Verfalls sind da und sie sind vordergründig. Aber Selbstmitleid ist den Sinn zersetzende Anklage.  Allerdings darf ich mich ‚ausklagen‘! So gewinne ich neue Einsichten für mein (‚eingeschränktes) Leben: Wozu also fordern mich Altern und Erkrankungen heraus?

10  Den Tod (neu)  begreifen …
Was wäre, wenn der Tod nicht ‚Abbruch‘, sondern Aufbruch ist? Dann ist Altern nicht die Zeit vor der ‚End-Station‘ – dann ist es die Zeit vor etwas Neuem, das noch nie war. So möchte ich ‚begreifen‘!


Ich schließe mit einem Hinweis auf meine Homepage. Sie ist eigentlich so etwas wie ‚mein Vorlauf‘. Ich verstehe sie auch als reflektierende Reifung auf dem Wege zu dem ‚Neuen, das noch nie war‘! Auf diesen Weg möchte ich Euch mitnehmen!

                  weiche

Weichen stellen

Ermutigende Entdeckungen für die eigene ‚Reifung‘ – die wünsche ich Euch und mir!


Inzwischen habe ich meinen 75. Geburtstag gefeiert – ein wunderbares Fest!

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Jemand hat mir diesen Text geschenkt

 

Gebet eines älter werdenden Menschen 

O Gott, du weißt besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages
alt sein werde.
Bewahre mich vor der Einbildung
Bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen. 

Erlöse mich von der Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch,
hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein
Bei meiner ungeheuren Ansammlung von
Weisheit erscheint es mir ja schade,
sie nicht weiterzugeben – aber du verstehst
o Gott, dass ich mir ein paar Freundinnen erhalten möchte.

 Bewahre mich vor Aufzählung endloser Einzelheiten und
verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.

 Lehre mich schweigen
über meine Krankheiten
und Beschwerden.
Sie nehmen zu – und die Lust, zu beschreiben,
wächst von Jahr zu Jahr. 

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen
Krankheitsschilderungen anderer mit Freuden
anzuhören aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass
ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Ich möchte keine Heilige sein – mit ihnen lebt
es sich so schwer – aber eine alte Griesgrämin
ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete
Talente zu entdecken, und verleihe mir,
o Gott, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen. 

Teresa v. Avila (1515-1542),
Teresa de Jesús, eigentlich Teresa de Cepeda y Ahumada, genännt Teresa die Große.
Spanische Mystikerln, reformierte den Karmeliterorden, katholische Heilige


Auch diesen Beitrag ‚ÜBER SPIELRÄUME AN DEN GRENZPUNKTEN DES LEBENS‘
aus der Sende-Folge des NDR ‚Glaubensachen‘ halte ich für bedeutsam.

http://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/glaubenssachen/gsmanuskript782.pdf


 

Euer

    Anrede2                                    

 

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