Urlaub

               DIE AUGEN ÖFFNEN – DIE SEELE SPÜREN
– auch eine Übung zur Solidarität mit Flüchtenden –

Die vielen Möglichkeiten des Lebens bilden ein Labyrinth:
Es ist leicht, loszugehen, aber es ist schwer, die Mitte zu finden.
Was wird die Mitte sein, und werde ich mir treu bleiben auf dem weiten Weg?

 

Traeumen

Ich lasse das endgültige Bild von mir los.
Ich entstehe an dem, was befremdend anders ist:
an den Ortsschildern eines unbekannten Landes,
an wilden Gärten, an Worten, die nicht für mich bestimmt sind,
an Gesichtern, die ich nicht deuten kann.

Wenn ich mich dem aussetze, was anders und neu ist,
bleibe ich offen für meine eigene Verwandlung.

Ich werde nicht im Labyrinth verloren gehen.
Ich werde die Mitte in mir tragen Und mir selbst treu bleiben.

  Ulrich Schaffer


Dieser Impuls von Ulrich Schaffer erhält angesichts vieler Menschen, die in dieser Zeit aus Vertrautem flüchten und in der Fremde ankommen müssen, eine besondere Aktualität. Der eigene Urlaub enthält die Chance, sich in viel stärkerem Maße in die Situation von Menschen zu versetzen, die die ‚Fremde‘ nicht selbst gewählt haben, wie es im Urlaub der Fall ist.

Es gibt es eine Ähnlichkeit. Auch im Urlaub gilt es, sich mit dem ‚Fremden‘ mit dem ‚Anderen‘ vertraut zu machen. Es gilt, auf andere (fremde) Menschen zuzugehen, obwohl es sprachliche Hindernisse gibt. Das mag Überwindung kosten. Es ist aber Voraussetzung, seinen eigenen Standort in der Fremde zu finden und Urlaub zum Erlebnis werden zu lassen.

Solche Erfahrung eigener Überwindung kann die Solidarität mit denen stärken, die diesen Weg gehen müssen und zur Geduld helfen, wenn es nicht sofort gelingt.


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Alles gepackt?

Es kommt aufs Unterwegssein an, egal ob bei einer Wanderung durch das Wattenmeer oder einer Trekkingtour durch Vietnam. Die Kunst des Reisens besteht darin, sich zum Fremden zu machen und befremden zu lassen, offen zu werden für Mitreisende und Einheimische, für Standorte und Standpunkte. Und sie besteht darin, gelassen zu werden, sich ins Offene zu wagen und zu wissen: Irgendwas wird schon schiefgehen. Na und? Eine wunderbare Übung für dieses unsicher gewordene Leben. In diesem Sinne: Alles gepackt?

Matthias Dobrinski, aus ‚Es kommt wie es kommt‘, NDR-Kultur in ‚Glaubenssachen‘ / 17. Juli 2016


 

Lange haben wir das Lauschen verlernt!
Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen
Wie Dünengras gepflanzt am ewigen Meer
Wollten wir wachsen auf feisten Triften;
Wie Salat im Hausgarten stehn.

Wenn wir auch Geschäfte haben,
Die weit fort führen
Von Seinem Licht,

Wenn wir auch Wasser aus Röhren trinken,
Und es erst sterbend naht
Unserem ewig dürstenden Mund –

Wenn wir auch auf einer Straße schreiten,
Darunter die Erde zum Schweigen gebracht wurde
Von einem Pflaster,

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Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr;
O, unser Ohr dürfen wir nicht verkaufen.

Auch auf dem Markte,
Im Errechnen des Staubes,
Tat manch einer schnell einen Sprung
Auf der Sehnsucht Seil,
Weil er etwas hörte,
Aus dem Staub heraus tat er den Sprung
Und sättigte sein Ohr.

Presst, o presst an der Zerstörung Tag
An die Erde das lauschende Ohr,
Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch
Werdet ihr hören
Wie im Tode
Das Leben beginnt.

Nelly Sachs
geb. am 10. Dezember 1891 in Berlin gestorben am 12. Mai 1970 in Stockholm,  deutsche Dichterin; Literatur-Nobelpreisträgerin (1966)


     Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen,
der vom Himmel fließt, dass ich dir stetig blühe;

OLYMPUS DIGITAL CAMERABei einbrechender Dunkelheit erblüht die ‚Nacht-Kerze‘


gib, dass der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spät
viel Glaubensfrüchte ziehe.

Paul Gerhardt(1653)


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