Sehnsucht macht’s möglich

NEUNTER BRIEF AUS DER ‚OASE‘


Ich bin wieder in Taizé.
Über lange Zeit ist Taizé in Frankreich  für mich zu einer „Oase“ geworden.
Vor 54  Jahren fuhr ich erstmals mit Jugendlichen
in dieses Dorf im burgundischen Land.
Ich kann in dieser ‚Oase‘ immer wieder neu mein Leben betrachten
und erhalte aus Stille, Gebet und Begegnung Anstöße.

22. Juli 2018

SEHNSUCHT
IST DIE GRÖSSTE GEWISSHEIT IN UNS

Niemals bin ich so sehr von Fremden umgeben, wie hier in Taizé. Und gleichzeitig spüre ich selten soviel an Vertrauen, wie an diesem Ort. Nicht ohne Grund sprechen wir in Taizé gern von der ‚Menschheitsfamilie‘.

Zu diesem Ort brechen wir auf, nehmen Umständlichkeit der Reise auf uns. Es treibt die Hoffnung, sich selbst wieder mehr zu spüren, einen neuen heilenden Blick auf das eigene Leben richten zu können. Es ist die Sehnsucht, die uns über alle Einschränkungen hinaus treibt.

Ja, ich bin Wesen der Sehnsucht, sie ist Kern meiner Existenz. Unüberhörbar meldet sie sich, wenn ich mich in Alltäglichkeit und Routine ‚verliere‘.

Die Gebrüder Grimm formulierten in ihrem ‚Deutschen Wörterbuch‘, dass wir leiden würden, wenn die Dynamik von Geist und Seele in unfreundlichen, vielleicht sogar lebensfeind-lichen Verhältnissen festgebunden sei und wir keinen Ausweg fänden. Der Philosoph Ernst Bloch († 4. August 1977) hat schon als junger Mann formuliert: ‚Die Sehnsucht ist das, was am meisten Gewissheit in unserem Leben hat‘.

Diese Sehnsucht sucht nicht Ablenkung, sondern Erfüllung. Diese findet sich nicht in nostalgischer nach rückwärts gerichteter Bewegung, die einflüstert, dass früher alles besser gewesen wäre. Nicht in gedachten Wirklichkeiten, sondern in der Gewissheit neuer Möglichkeit findet die Sehnsucht ihren Platz.  Da ist es sinnfällig, dass wir in diesem Jahr in den Prozess von Veränderung in der Gestaltung des Altarraumes hineingenommen sind. Wir sind immer ‚auf dem Weg‘ in ‚Möglichkeiten‘.


Auf dem Weg zu Möglichkeiten …

So bin ich nun hier in Taizé, umgeben von vielen Fremden, deren Geschichte ich nicht kenne und deren Sprache ich nicht spreche.
Aber dreimal am Tag findet meine Sehnsucht die ‚Gewissheit‘ einer neuen Möglichkeit. Die besteht darin, dass wir uns auf die Zwiesprache im Schweigen einlassen. Da öffnen sich ‚Türen‘ und positionieren die Seele auf das ‚Befreiende‘.

So berührt bin ich mit allen ‚Fremden‘ in der Tiefe verbunden. In der Erfüllung unserer Sehnsucht sind wir vereint. Jesus selbst erkannte diese existenzielle Wahrheit so:

‚Ich und ‚Gott‘ (‚Vater‘) sind eins‘!
Johannes-Evangelium 17

Wer sich in diese Wahrheit vertieft, lebt in der Einheit ‚unbegrenzter Möglichkeiten‘.

Bei Begegnungen schaue ich ‚Fremden‘ in die Augen. Ich kann die Wahrheit in ihren Augen sehen und spüre die Resonanz. Da spricht ‚Gott‘ in uns und gibt der Fremdheit ’neue‘ Heimat.

In diesem Sinne auch Euch bewegende Erfahrungen in der Resonanz-Begegnung der Augen!

Euer

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