Gleitsicht-Blick

 

 25. Mai 2009 schrieb ich diesen Brief zum ‚Himmelfahrt‘-Tag

Anrede 1

 

Diesen Brief schreibe ich Euch nach dem Erlebnis „Kirchentag“ in Bremen.

Ich stand auf dem Marktplatz am Himmelfahrtstag. Viele haben mit diesem Tag Schwierigkeiten. Das Bild dieses Tages – Jesus verlässt seinen Freundeskreis mit der ‚Fahrt zum Himmel‚ – ist trotz oder gerade im Zeitalter der Raumfahrt so schwer zu übersetzen.

Ich erhalte mit vielen eine Brille. Symbolisch fragt sie mich, durch welche Brille ich mein Leben betrachte. Das Bild von der „Himmelfahrt“ wird durch das von der „Optik“ ersetzt.

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Das Thema des Kirchentages ‚Mensch, wo bist du?‘  fragte nach dem Stand-Ort und es fragte damit auch nach der Blick-Richtung.

Wie sehen Eure und meine Blick-Richtung aus?

In einem anderen Zusammenhang habe ich das Bild von der Brille so beschrieben gefunden:  Wir tragen eine Art Gleitsichtbrille. Durch das untere Blickfeld für den Nahbereich nehmen wir klar und dicht wahr, was die Bedingungen unseres Lebens sind. Hier erkennen wir Unge-rechtigkeiten,  Unterdrückungen, Ausbeutungen und Ausweglosigkeiten, auch Gelingendes und Gelungenes.

Dieser Nah-Blick führt in  Solidarität und zum Engagement, manchmal aber auch in  Resignation.

Durch das obere Blickfeld für den Fernbereich sehen wir als ‚Kontext‘ das gesellschaftliche Bedingungsgefüge und globale Zusammenhänge.

Dieser Blick führt aber auch das ‚Innere Auge‘ auf das Ganze.

So wird alles Bedrängende Teil des ‚Großen und Ganzen‘ *.  Es ist der  ’spirituelle Blick‘, der in den Unerträglichkeiten das Wirken Gottes sucht. Es ist der Blick, der der Resignation entgegensteht, dem die Sicht  ‚Es hat alles keinen Zweck‘  fremd ist. Es ist der Blick der Hoffnung!

Die blaue Brille, die ich da auf dem Marktplatz erhielt, erinnert symbolisch an diesen Hoffnungs-Blick, den wir in den Schwierigkeiten unseres Lebens so dringend brauchen. Dieser Blick nimmt an die Hand, ermutigt und setzt die Kräfte frei, die wir zur Bewältigung brauchen.

Ich habe die alten Bilder des Himmelfahrtstages neu verstanden.

Herzlich grüßt Euer  

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