Kraft des Gesprächs

MIT DENEN KANN MAN NICHT REDEN …

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So äußern sich Menschen häufig, um zu begründen, dass sie nun ‚handeln‘ müssten. Handeln meint dann wirklich im Wortsinn ‚Hand anlegen‘, also tätig, vielleicht auch tätlich werden. Aus dieser Haltung resultiert die Legitimation, auch Gewalt anzuwenden. Folgerichtig wird in solcher Situation gemahnt, miteinander zu sprechen. Wer im Gespräch bleibe, nutze die ‚Kraft des Gesprächs‘.

Angesichts der sich überall zuspitzenden Konflikte scheint es sinnvoll, dem Phänomen ‚Gespräch‘ Raum zu geben. Die (wieder) zunehmende Tendenz, gewalttätig einzugreifen, wo es gilt, sich zu schützen oder eigene Ziele durchzusetzen, wirkt sich sichtbar auch auf die Konflikte im ‚kleinen Beziehungs-Bereich‘ aus. Zunehmend gibt es Übergriffe und die Erfahrungen mit konfliktlösenden Gesprächen nimmt ab. Angesichts der Ängste, die sich auch durch den Zustrom von nach Sicherheit suchenden Menschen aus anderen Kulturen verstärken, ist der Blick auf das Kraftpotentials eines ‚konstruktiven Gesprächs‘ mehr als sinnvoll.

GEHEIMDIENST IN UNS

Gern verschlüsselten wir als Kinder unsere Sprache und freuten uns daran, dass andere den ‚Schlüssel‘ nicht kannten und somit den Austausch von Mitteilungen nicht verstehen konnten. Es gab viele Versuche, ‚dahinter‘ zu kommen und entsprechend groß war die Freude, wenn die ‚Geheimsprache ‚entschlüsselt‘ werden konnte.

Daran erinnere ich mich, wenn es in unserer Zeit um die Rolle von ‚Geheimdiensten‘ geht, die im Vordergründigen die wahren Hintergründe von Verhalten aufzudecken versuchen. Die dabei gewählten Methoden sind allerdings ebenso ‚verdeckt‘ wie ‚wahre Absichten‘ verdeckt sind.

Was ist das, dieses Bemühen einerseits, etwas geheim zu halten und die Versuche anderer-seits, unbedingt ‚dahinter‘ kommen zu wollen?

Geheimhaltung hat zunächst Schutzfunktion. Sie kann aber schnell zum Machtmittel werden. Der ‚Rumpelstilzchen‘-Effekt liegt darin, dass der einflussreiche Zwerg im gleichnamigen Märchen die Macht seines Geheimnisses verliert, wo sein Name öffentlich wird: ‚Das hat dir der Teufel gesagt‘, brüllt der Enttarnte und stößt sich selbst vor Wut in die Erde.

‚Das sag ich nicht!‘  ist schon früh für Kinder das Mittel, ihre eigene Macht den Eltern gegenüber zu leben. Geheimnisse zu haben, ist hier auch Ausdruck von gewachsener Persönlichkeit.

Wir sprechen häufig ‚codiert‘. Das heißt zum Beispiel, dass wir in Gesagtem unsere wahren Gefühle und Absichten zu verbergen versuchen. Solches früh angelernte Verhalten entspringt nicht selten der Selbstunsicherheit  und entwickelt irgendwann im Leben eine eigene Dynamik. Solche Menschen verstehen sich dann selbst manchmal nicht mehr und werden auch von anderen nicht mehr verstanden.

Daraus entstehende Beziehungskonflikte können häufig nur mit fachlicher Hilfe gelöst werden. Wenn es gelingt, die Sprache von so Betroffenen zu ‚decodieren‘ und ihre Unsicherheit zu überwinden, können verdeckte emotionale Aspekte Sprache erhalten. Fachleute sprechen von der  ‚Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte‘. Das kann wie eine Befreiung wirken..


Bitte, höre, was ich nicht sage ….

‚Bitte höre, was ich nicht sage! Lass Dich nicht von mir nar­ren. Lass Dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken – Masken, die ich fürchte abzulegen. Und keine davon bin ich. So tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Aber lass Dich dadurch nicht täu­schen, um Gottes willen, lass Dich nicht von mir narren.

Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles sonnig und heiter in mir, innen wie außen, als sei mein Name Vertrauen und mein Spiel Kühle, als sei ich ein stilles Wasser und als könne ich über alles bestimmen, so als brauchte ich nie­manden.

Aber glaub mir nicht, bitte, glaub mir nicht! Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist meine Maske. Darunter ist nichts Entsprechendes. Darunter bin ich wie ich wirklich bin: verwirrt, in Furcht und alleine. Aber ich verberge das. Ich möchte nicht, dass es irgendjemand merkt. Beim bloßen Gedanken an meine Schwächen bekomme ich Panik und fürchte mich davor, mich anderen überhaupt auszusetzen.

Gerade deshalb erfinde ich verzweifelt Masken, hinter denen ich mich verbergen kann: eine lässige, kluge Fassade, die mir hilft, etwas vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung. Und ich weiß es: Wenn er verbunden wäre mit Angenommen werden, mit Leben. Das ist das einzige, das mir die Sicherheit geben würde, die ich mir selbst nicht geben kann: Dass ich wirklich etwas wert bin.

Aber das sage ich Dir nicht. Ich wage es nicht. Ich habe Angst davor. Ich habe Angst, dass Dein Blick nicht von Annahme und Liebe begleitet wird. Ich fürchte, Du wirst gering von mir denken und über mich lachen – und Dein Lachen würde mich umbringen.

Ich habe Angst, dass ich tief drinnen in mir selbst nichts bin, nichts wert, und dass Du das siehst und mich abweisen wirst. So spiele ich mein Spiel, mein verzweifeltes Spiel: Eine sichere Fassade außen und ein zitterndes Kind innen.

Ich rede daher im gängigen Ton oberflächlichen Geschwät­zes. Ich erzähle Dir alles, was wirklich nichts ist, und nichts von alledem, was wirklich ist, was in mir schreit; deshalb lass Dich nicht täuschen von dem, was ich aus Gewohnheit rede.

Bitte, höre sorgfältig hin und versuche zu hören, was ich nicht sage, was ich gerne sagen möchte, was ich um des Überlebens willen rede und was ich nicht sagen kann. Ich verabscheue Versteckspiel. Ehrlich! Ich verabscheue die­ses oberflächliche Spiel, das ich da aufführe.

Es ist ein unechtes Spiel. Ich möchte wirklich echt und spontan sein können, einfach ich selbst, aber Du musst mir helfen. Du musst Deine Hand aus­strecken, selbst wenn es gerade das letzte zu sein scheint, was ich mir wünsche. Nur Du kannst diesen leeren, toten Glanz von meinen Augen nehmen.

Nur Du kannst mich zum Leben rufen. Jedes Mal, wenn Du freundlich und sanft bist und mir Mut machst, jedes Mal, wenn Du zu verstehen versuchst, weil Du Dich wirklich um mich sorgst, bekommt mein Herz Flügel – sehr kleine Flügel, sehr brüchige Schwingen, aber Flügel!

Dein Gespür, Dein Mitgefühl und die Kraft Deines Verste­hens hauchen mir Leben ein. Ich möchte, dass Du das weißt. Ich möchte, dass Du weißt, wie wichtig Du für mich bist, wie sehr Du aus mir den Menschen machen kannst, der ich wirklich bin – wenn Du willst.

Bitte, ich wünschte, Du wolltest es. Du allein kannst die Wand niederreißen, hinter der ich zittere. Du allein kannst mir die Maske abnehmen. Du allein kannst mich aus meiner Schattenwelt, aus Angst und Unsicherheit befreien — aus meiner Einsamkeit. Über­sieh mich nicht.

Bitte, übergeh mich nicht! Es wird nicht leicht für Dich sein. Die lang andauernde Überzeugung, wertlos zu sein, schafft dicke Mauern. Je näher Du mir kommst, desto blinder schlage ich zurück. Ich wehre mich gegen das, wonach ich schreie.

Aber man hat mir gesagt, dass Liebe stärker sei als jeder Schutzwall, und darin liegt meine Hoffnung. Bitte versuche diese Mauern einzureißen, mit sicheren Hän­den, aber mit zarten Händen: ein Kind ist sehr empfindsam.

Wer ich bin, magst Du fragen? Ich bin jemand, den Du sehr gut kennst. Denn ich bin jedermann, den Du triffst, jeder Mann und jede Frau, die Dir begegnen.‘

Aus: Tobias Brocher: Von der Schwierigkeit zu lieben, Maßstäbe des Menschlichen.
Band 8/1975 Kreuz Verlag Stuttgart und Berlin.


Auch auf der spirituellen Ebene gibt es sehr viele Beispiele von ‚Codierung‘ und ‚Decodierung‘. So wird ‚Gottes Handeln‘ als  ‚geheimnisvolle Macht‘ codiert erlebt.  Die religiöse Reaktion war die Unterwerfung – der Versuch eines Arrangements mit dem nicht Erkenn- und Begreifbaren.

Der Unterwerfungs-Tendenz folgte Mündigkeit, die zunehmend versuchte, ‚decodierte‘ Sprache in spiritueller Erfahrung erkennbar und begreifbar zu machen. Christliche Haltung hat sich aus dieser Mündigkeit entwickelt.  Jesus selbst ‚decodierte‘ Gott, indem er das geheimnisvolle Unbekannte als nahes Vertrautes lebte und als ‚Abba‘ (hebräisch ‚Papa‘) benannte. In  Heilungs-Erzählungen, zum Beispiel von der eines Taubstummen,  wird die Decodierung sinnhaft. Eine neue Existenz wird so begründet. Dieser ‚Decodierungs-Prozess‘ geschieht nicht öffentlich – öffentlich  allerdings werden die Folgen!


Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.

Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.
 Markus 7,31-37

Voraussetzung schaffen für ganzheitliches Sprechen und Handeln ohne Argwohn und Angst …
Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg …

Sich mit den ‚guten Kräften‘ des Vertrauens verbinden  ….
… blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zum Taubstummen: „Effata!“ – das heißt: “Öffne dich!“

Befreiung zum ‚decodierten Reden‘  …
Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden.


Spirituelle Erfahrungen im Glauben tragen meist das befreiende Erlebnis, endlich die  ‚Geheimhaltung wahrer Bedürftigkeit‘ aufgeben zu können und sich erkennbar zu machen.

Kommunikation
Geheim Gehaltenes kann in umfassendem Sinne blockieren. Offenbartes kann umfassend befreien. Dieser Prozess bedarf allerdings großer Behutsamkeit. Mit Gewalt erreichte ‚Decodierungen‘ schaffen Angst und Widerstand. Der ‚Offenbarungs-Prozess‘ braucht die Sicherheit, dass es keinen ‚Verlierer‘ gibt.

SEELSORGE ALS DECODIERUNGS-HILFE

Ich stelle mir vor, dass zum Beispiel mit einzelnen IS-‚Sympathisanten‘ zu reden ist und das Gespräch seine erlösende Kraft entfalten kann. Das stelle ich mir überall dort vor, wo zerstörerische Gewalt – auch verbale –  als vordergründige ‚Codierung‘ erkannt wird und es gelingen kann,  mit vertrauender Behutsamkeit  verborgene Bedürftigkeit ‚freizulegen‘.
Entgegen gebrachtes Vertrauen stärkt Vertrauen. Wachsendes Vertrauen in sich selbst erlöst und ermöglicht konstruktives Verhalten.

Gelegenheiten nutzen, Menschen so anzusehen und  anzusprechen, dass sie sich aussprechen können!  So sieht ‚Seelsorge‘ als Mittel zur inneren Befreiung aus, um der Kraft des Sprechens vertrauen zu lernen!

Konfliktbewältigung ohne Niederlage 

Sie geht von gegenseitigem Respekt vor Verschiedenartigkeit und  dieser Haltung entsprechendem ‚Ansehen‘, ‚Ansprechen‘  und ‚Aussprechen‘ aus.  Niemand kann genau wissen, was ein anderer fühlt,  bevor er sich nicht die Mühe gemacht hat, im zuzuhören.

Sie nennt sechs Schritte:

1. Den Konflikt identifizieren und definieren.
Vor einem Gespräch sich schweigend mindestens 30 Sekunden ansehen.

2. Mögliche Alternativlösungen entwickeln.
Wir denken häufig nicht gemeinsam neu, sondern reproduzieren bereits Gedachtes.

3. Die Alternativlösungen kritisch bewerten.

4. Sich für die beste und annehmbare Lösung entscheiden.

5. Wege zur Ausführung der Lösung ausarbeiten.

6. Spätere Betrachtung, um zu beurteilen, wie es ging.


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