Im gelobten Land

      IM „GELOBTEN“ LAND

 ‚Was? In dieses Land willst du reisen? Hast Du denn gar keine Angst? Ich könnte in dieses Land nicht reisen, weil ich damit stillschweigend eine Politik unterstützte, die ich für rassistisch halte.‘

Dennoch: Ich habe gemeinsam mit meiner Frau und Freunden diese Reise angetreten. Wir wollten einerseits erleben, wie Menschen in dieser von Krisen geschüttelten Region leben und wir wollten in dem Land sein, in dem Jesus gelebt und gewirkt hat.

Als wir uns vorbereiteten, habe ich manchmal an den alten Simeon denken müssen, der tief berührt ausruft: ‚Heute habe ich deinen Heiland gesehen, nun kann ich gehen …‘. Im letzten Teil meines Lebens reise ich in das ‚gelobte‘ Land, in das Land mit einer unglaublichen Geschichte, in das Land der großen Hoffnungen ….

Es ist das Land Jesu. Als Jesus dort lebte, gab es auch keinen Frieden. Es gab Terror und politische Willkür. Es gab widerstreitende Interessen und Untergrundbewegungen. Und es gab Menschen mit Visionen und Gewissheiten.

Jesus war ein solcher. Er hat die Menschen und das Land geliebt. Er hat in die Erstarrung der Fronten die Botschaft von der Liebe und der Freiheit gebracht.

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Dieses Land ist Land der Missverständnisse geworden. Die Unterschiedlichkeiten werden nicht als Reichtum von Liebe und Freiheit verstanden, sondern sie werden zur Abgrenzung und Absolutheits-Anspruch missbraucht. Daraus resultieren die unsäglichen Konflikte, nicht nachvollziehbare politische Entscheidungen und Respektlosigkeit. Es gilt auch, zu durchschauen, wo Menschen vor solchem Hintergrund für politische Interessen instrumentalisiert werden.

In einem Gespräch ist mir diese Aussage nahe gegangen: Wir brauchen Orte, wo  unterschiedliches Leiden sich begegnen kann, der Holocaust der Juden einerseits und die Vertreibung der arabischen Bevölkerung andererseits. Terror und Unnachgiebigkeit sind  Reaktionsbildungen aus erfahrenem Leid. Eine Verständigung kann nur dort gelingen, wo Leiden und Angst Sprache erhalten.

Es gibt in diesem Land viele Beispiele, Grenzen und Vorurteile zu überwinden, mindestens respektvoll miteinander umzugehen. Dafür mag die Erfahrung stehen, dass alle Menschen eine „spirituelle Sehnsucht“ in sich tragen und besonders in Jerusalem wird das in den unterschiedlichen Ritualen deutlich. Dahinter geschaut erlebe ich  beispielsweise den Gebetsruf des Muezzin bereits  um vier Uhr morgens, die ritualisierte Klage der Juden an der alten Tempelmauer und die Kreuz-Prozessionen der Christen über die „via dolorosa“ als Ausdruck solcher Sehnsucht.

Unsere Reise hat mir die Augen geöffnet. Ich bin viel kritischer geworden. Ich werde nicht mehr die schnelle und einfache Lösung  favorisieren, die immer auf Kosten von Minderheiten zu Gunsten der Macht geht. In allen Details zeigt sich eine enorme Vielschichtigkeit …

Als wir durch dieses wunderschöne Land zogen, habe ich manchmal gedacht: ‚Warum eigentlich hat sich ‚Gott‘ dieses Land ‚ausgesucht‘, um seine Botschaft von der Freiheit und Liebe bekannt zu machen?‘

Vielleicht, um deutlich zu machen, dass sich in Verschiedenartigkeit und in Komplexität der Reichtum des Lebens und die Unfassbarkeit Gottes zeigen? Die Freiheit bestände dann darin, diese wie ein Geschenk anzunehmen? Das wäre doch ein Ausdruck der Liebe!
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Der „Granat-Apfel“ ist dafür ein Symbol: Um zur Süße vorzustoßen, muss die harte und bitter-saure Schale durchdrungen werden. Dann öffnet sich die Frucht. Die süßen Kerne sind  in ihrer Zahl so groß, dass sie  für jeden Tag des Jahres einen Kern bereithalten, wird erzählt.

Die manchmal ‚bitter-saure‘ kulturelle und religiöse Geschichte muss durchdrungen werden, um zur Vielgestaltigkeit der Sehnsucht vordringen zu können. Diese ist die ‚Süße‘, die in Liebe und Freiheit ihre Kraft entfaltet.

Ulrike, eine Leserin meiner Homepage kommentiert mit dieser sinnfälligen Geschichte:

Ein Islamischer Scheich erzählt :‘Vier Pilger aus verschiedenen islamischen Ländern und mit vier verschiedenen Sprachen zogen gemeinsam durch die Wüste nach Mekka. In einer Oase fanden sie ein Geldstück. Ließen sie es wechseln und teilten dann das Geld, so erhielt jeder fast nichts. Sie beschlossen daher, etwas zu kaufen und es unter sich zu verteilen. Der Älteste sagte auf Arabisch, er wünsche sich Trauben. Der nächste wiederholte dasselbe auf Persisch , der dritte auf Türkisch und der letzte auf Kurdisch. Doch da jedes Mal das Wort für Trauben anders lautete und sie sich nicht verstehen konnten, gerieten sie in Streit, der in eine kleine Schlägerei ausartete.

Erst als ein fünfter Pilger dazukam, der die vier Sprachen verstand und jedem sein Recht versprach, beruhigten sie sich. Kurz danach brachte er herrliche saftige Trauben und verteilte sie zur Zufriedenheit der durstigen Pilger.‘

Genauso ist es mit den verschiedenen Religionen: Die Wahrheit ist stets dieselbe, doch die Ausdrücke, mit denen sie beschrieben wird, können mannigfaltig sein und bleiben den Anhängern der verschiedenen Glaubensbekenntnisse unverständlich.

‚Einmal, wenn die Menschheit dazu reif sein wird, muss eine Religion kommen, die alle zusammenschließt, indem sie Worte findet, die alle Menschen verstehen und befriedigen. Denn die Wahrheit ist eine und ewig wie Gott‘.

 
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