Gespräch mit Maria

Anrede 1              21. Dezember 2007

Neulich bin ich Maria begegnet und ich habe sie gefragt, wie das damals aus ihrer Sicht eigentlich war. Sie zögerte kaum und antwortete, als hätte sie schon lange auf diese Frage gewartet.

‚Die Schwangerschaft kam etwas unerwartet. Wir lebten in sehr einfachen Verhältnissen und eigentlich passte das überhaupt nicht. Dennoch erfüllte mich eine so tiefe Freude, die sich noch verstärkte, als ich meine Cousine  Elisabeth  besuchte, die im sechsten Monat schwanger war. Sie war nicht mehr die Jüngste und manche in der Verwandtschaft sagten hinter vorgehalte-ner Hand, sie sei wohl unfruchtbar. Das war eine Begegnung! Ich weiß noch, wie der Dank geradezu aus mir heraussprudelte. Alle Bedenken waren wie verflogen.

Und dann die Geburt! In diese Zeit fiel eine Volkszählung, der wir nicht ausweichen konnten. Dazu mussten wir uns auf einen langen Weg machen. Alle litten unter der Willkür der Besatzungsmacht, ich in meiner Situation natürlich besonders.

Es werden wohl die Strapazen gewesen sein – jedenfalls setzten die Wehen früher ein. Wir waren ziemlich auf uns selber angewiesen, denn jeder und jede hatten mit sich zu tun. So richtig wahr genommen haben die Geburt nur wenige. Aber auch jetzt: Trotz all der schwierigen Umstände war ich wieder von dieser tiefen Freude erfüllt.“

Ich unterbreche Maria: Wir feiern in diesen Tagen die Erinnerung an diese Geburt. Da gibt es aber ganz andere Geschichten!


In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.  Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr. Der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade. Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.
Lukas-Evangelium 2, 1-19

Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle. Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:  Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige. Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
Matthäus-Evangelium 2, 1-11


Maria sieht mich mit großen Augen an. ‚So, das wird erzählt?  Wunderschöne Geschichten! Irgendwie stimmen sie, denn sie drücken das aus, was ich empfand.‘ Und dann fast flüsternd: ‚Ich habe die Engel singen hören – so glücklich war ich!‘

Und sie erzählt weiter. ‚Wir lebten wie alle in religiöser Tradition. Regelmäßig waren wir in der Synagoge und zu den großen Festen im Tempel in Jerusalem. Das gehörte zu unserem Leben. Hier bekamen wir  Stärkung für unsere Sehnsucht nach Befreiung von dieser menschenverachtenden Besatzungsmacht. Wir klammerten uns an die Visionen unserer Propheten vom Kommen eines Retters.

Später versetzte unser Sohn mich und meinen Mann immer wieder in Erstaunen. Er entwickelte zusehends ein immer größer werdendes Interesse und hielt sich gern in Synagoge und Tempel auf. Darüber freuten wir uns natürlich, wenn auch manches an Arbeit in der Zimmerei – mein Mann war Zimmermann – liegen blieb.

Es entwickelte sich auch Unverständnis, sowohl bei uns Eltern als auch den Geschwistern, als unser Ältester begann, die prophetischen Visionen, von denen ich eben sprach, auf sich zu beziehen. Er sei der Verheißene, sagte er.

Das sagte er nicht nur so – er lebte auch so. Menschen, die in ihrem Leben keine Perspektive mehr sahen, die den Boden unter den Füßen verloren hatten, denen gab er Zuversicht und Halt. Dazu übertrat er auch die geltenden Vorschriften, wenn es darum ging, zu helfen. Wenn er erzählte, hingen die Menschen gleichsam an seinen Lippen. Viele folgten ihm. Das weckte  Bewunderung. Und manchmal habe ich mich schon gefragt, woher er diese Gabe haben könnte.

Protest gab es auch. Aus unserem Wohnort haben sie ihn sogar gewalttätig vertrieben! Die religiöse Führung wurde immer mehr aufmerksam und der offene Konflikt brach auf. Wie häufig haben wir mit ihm darüber gesprochen! Das musste in die Katastrophe führen!

Mein Sohn war auch aus diesem Grunde selten zu Hause. Er war  unterwegs. Das wollte er so und er begründete es auch. Wir seien schließlich immer auf dem Weg, unser ganzes Leben sei ein Weg zu Gott hin, sagte er. 

Ein fester Freundeskreis hatte sich um ihn gesammelt, Menschen, die von seiner Art zu leben fasziniert waren. Hinzunehmen, dass er eine ganz andere Sicht von ‚Familie‘ hatte, war für uns nicht einfach.‘

Maria macht eine Pause und blickt wie in die Weite. Dann schaut sie mich mit warmem Blick an.  ‚Erst bei seiner Hinrichtung unter dem Folterkreuz, als ich weinend Abschied nehmen musste, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Das ging übrigens auch anderen so. Wir alle fühlten uns so wundersam getragen. Wir fühlten uns Gott so nah wie niemals sonst. Ich glaube, dass daraus auch diese wunderschönen Gewissheits- und Hoffnungs-Geschichten entstanden sind.‘

Maria unterbricht sich wieder. ‚Erzählten Sie nicht von Hirten, sogar von weisen Männern, die meinen Sohn schon als Baby anbeteten und die innerlich so erfüllt waren?‘ 

Wie abwesend spricht sie weiter: ‚So war das in dieser schweren Stunde des Abschieds und die Zeit danach: Wir waren über alle Grenzen von gesellschaftlichem Rang eine Gemeinschaft und innerlich erfüllt von der Gewissheit: Er lebt!‘

Damit entschwindet Maria.

 

LumpenGesindel

 

    Anrede2           

Nachtrag
Es gibt das Buch „Jesus war nie in Bethlehem“ von Martin Koschorke, ISBN: 978-3-534-20488-5, Verlag : Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Aus der Rezension: Koschorke hilft mit seinem leicht verständlichen Buch, die ursprünglichen Intentionen der biblischen Texte besser zu verstehen. So werden alle Bekenntnisse, Erzählungen und Ausschmückungen der Weihnachtsgeschichte transparent für ‚die andere Wirklichkeit‘, die aber ohne diese Geschichten unerzählbar bleibt. … Norbert Copray, Publik Forum

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