Gegen Gewalt

 

ERFAHRUNGS-SPEICHER
GEGEN GEWALT UND RADIKALISMUS

 

Konstruktive Möglichkeiten bei der Bewältigung von Gewaltbereitschaft müssen verstärkt in den Blick kommen, weil sich in unserem Lebensalltag die kurz-schlüssige Folgerung festzusetzen droht: In Konfliktfällen zählt nur die Macht des Stärkeren oder die Ohnmacht des Schwächeren! Kriege, weltweite Terror-Tätigkeit und auch die gegenwärtige Gewalt-Bereitschaft – nicht nur an Schulen! – sind Beispiele dafür!


 

November 2015
Im Moment starker Betroffenheit – aktuell nach dem Terror-Anschlag in Paris in Paris – sind  Abwehr-Reaktionen verständlich. Eine ‚Kriegs-Erklärung‘ ist eine solche und wir wissen, dass nach ‚Nine-eleven‘ der erklärte ‚Krieg‘ großes Unheil gebracht hat.

In unserem Land können wir (uns) gern daran erinnern, dass wir in der Straf-Gesetzgebung die unnachgiebige Verfolgung von Straftätern, gleichzeitig aber auch immer den Blick auf Hintergründe ausgeübter Gewalttaten kennen. Wir wissen um die Zusammenhänge von Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Ausbeutung und reaktiver Gewalt.  Dieser Blick rechtfertigt nicht die Scheußlichkeit von geplantem Terror, muss aber solchem Zusammenhang Raum geben, um der Spirale der Gewalt entgegenzutreten. 

Wir brauchen so etwas wir eine internationale ‚Klagemauer‘, gemeinsames ‚Weinen‘ über erlittene und ausgeübte Gewalt. Das öffnet Möglichkeiten. Bei einem Besuch in Israel lernte ich die Leiterin eines Museums im Norden Galiläas kennen. Sie berichtete von einer solchen Form des Erlebens. Israelische und muslimische Jugendliche ‚klagen‘ sich gegenseitig ihr Leiden an sich selbst und an den ‚anderen‘. Das schaffe den Ansatz zu einer ‚verantwortlichen‘ Friedenskultur.

Die gegenwärtigen Verhandlungen zu einem Frieden in Syrien und die Verhandlungen mit politischen Vertretern afrikanischer Staaten scheinen in diese Richtung zu gehen.


Epidemische Ausmaße

In einer langfristigen weltweiten Untersuchung der Weltgesundheits-Organisation (WHO) wurde festgestellt, dass jede dritte Frau weltweit Gewalt-Erfahrungen macht und sich diese in erster Linie im familären und häuslichen Bereich ereignen!

Diese Tatsache ist epidemisch zu werten, denn Gewalt-Erfahrungen werden durch entwertetes Selbstverständnis einerseits und destruktive Haltungen in der Erziehung von Kindern zum Beispiel weitergegeben. Die Gesellschaft wird weltweit ‚infiziert‘!
Juni 2013

Baum-Bruch

Dem ist entgegenzuwirken – heute und sofort!


‚Wieviel kriminelle Energie hat mein Kind?‘, ängstigte die ‚BILD‘- Zeitung Eltern nach dem gewalttätigen Geschehen in der Erfurter Schule im Jahre 2004.

Die Frage muss nach meiner Meinung lauten: ‚Welche Möglichkeiten hat mein Kind, seine Energien konstruktiv zu nutzen?‘

Diese Frage stellt sich jedem, jeder, nicht nur Eltern: ‚Welche Möglichkeiten habe ich, meine Energien konstruktiv zu nutzen?‘

Zu unterscheiden sind:
konstruktive ,
destruktive und
auto-aggressive (gegen sich selbst gerichtete) Bewältigungs-Strategien.

In den meisten Gewalt-Auseinandersetzungen verbinden sich destruktive und auto-aggressive in verhängnisvoller Weise. Töten und Selbsttötung sind die Extreme von Destruktion und Auto-Aggression. Jede Form von Gewalt an anderen und gegen sich selbst lässt sich so zuordnen, auch die ‚leichten‘ Formen wie zum Beispiel ‚Mobbing‘ auf der einen und ‚Drogen-Konsum‘ auf der anderen Seite.

WAS HILFT ZUR KONSTRUKTIVEN BEWÄLTIGUNG?

Unsere Energien spüren wir besonders dann, wenn wir frustrierenden Ereignissen ausgesetzt sind. Ein vorgestelltes Ziel erfüllt sich nicht: Ich bin frustriert! Manchmal in Sekundenschnelle entscheidet es sich, in welche Kanäle die freigesetzte Energie, die wir übrigens als ‚Aggression‘ bezeichnen, sich in ‚Aggressivität‘ gestaltet.

 StrukturSeelso

Aus Frustrationen wachsen (gestaltende) Kräfte.
Sie ‚gestalten‘ sich destruktiv, auto-aggressiv oder konstruktiv.

Destrukiv:  Ich spüre Wut und möchte alles ‚zusammenschlagen‘.
Auto-aggressiv: Tiefe Kränkung führt in depressiven Rückzug. in Zunächst kaum beeinflussbar läuft das auf der emotionalen Ebene ab.
Konstruktiv: Bewältigungs-Strategien, die sich in zweierlei Weise zuordnen lassen:

Ich verändere die mich frustrierende Situation
oder
Ich verändere mich in der mich frustrierenden Situation.

Solche Erfahrungen können sich wie in einem ‚Speicher‘ sammeln, auf den in Krisen-Situationen zurückzugreifen ist.


EXPERIMENT

Mache dir bewusst, welche dich frustrierenden Situationen es in deinem Leben gab und wie du sie bewältigen konntest. 

Wo gelang es dir, die Situation zu verändern? 

Wo musstest du dich selbst verändern?


 DEN „SPEICHER“ FÜLLEN

Kinder müssen frühzeitig konstruktive Bewältigungsmöglichkeiten lernen und ihren Erfahrungs-„Speicher“ füllen. Dazu bedarf es eines Konzepts, das einerseits Perspektiven aufzeigt, andererseits deutlich Grenzen setzt. 

Eltern, Erzieher_innen im Kindergarten und Lehrer_innen sollen Kindern und Jugendlichen Begleiter sein, wenn sie zum Beispiel angesichts von Konfliktsituationen die Frage stellen: ‚Was könntest du jetzt tun?‘ oder ‚Was brauchst du jetzt, um mit der Situation zurechtzukommen?‘ Dergestalt angeregte Reflexionen füllen den ‚Speicher‘ und es entwickeln sich so auch die häufig geforderten ‚Wert-Vorstellungen.

WassereinflussDen Speicher füllen

Als Christen besinnen wir uns auf die Glücks-Zusage Jesu: ‚Selig sind die Friedfertigen, den sie werden Töchter und Söhne Gottes heißen‘. Das ist keine fromme Gefühlsduselei, sondern drückt die Perspektive aus, die Gewaltlosigkeit bedeutet: ‚Söhne und Töchter Gottes‘ sein, bedeutet, in unverbrüchlicher Verbindung mit heilender Lebenskraft zu stehen, gleichsam eine ’spirituell-genetische‘ Bedingung.

An Beispielen macht Jesus deutlich, was das bedeuten Kann.


Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.

Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.
Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.

Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Matthäus-Evangelium 5, 38-45


Die Radikalität mag unrealistisch anmuten. In heutiger (Fach)Sprache reden wir von Deeskalation. Die ist aber nur dem oder der möglich, die sich von einem tiefen Vertrauen in solcher Weise getragen fühlen. Dann ist Deeskalation realistisch.

Dieses Vorgehen bedeutet allerdings, sich auf möglicherweise ‚längere Wege‘ einzulassen, die Zeit brauchen. Für Schulen in der gegenwärtigen Diskussion heißt es, in entsprechend fachlich geschultes Personal zu investieren und Stundenpläne in stärkerem Maße für ’soziales Lernen‘ zu öffnen. Solche Investitionen zahlen sich aus und bewahren vor dem ‚Erfurt‘, ‚Emsdetten‘, ‚Winnenden‘ und allen Formen destruktiver Gewalt, auch vor Krieg! 

Während der Demonstrationen in der damaligen DDR vor dem Mauerfall im Jahre 1989 achteten die Organisatoren darauf, dass jeder eine brennende Kerze in der Hand hatte: Mit einer Hand musste man die Kerze halten und mit der anderen die Flamme vor dem Wind schützen. So blieb keine Hand frei, um Gewalt anzuwenden.

Wo solcher Einsatz nicht erbracht wird, wo es immer häufiger ‚Energiestaus‘ gibt, ohne adäquate Bewältigungsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben, werden der Destruktion und der Auto-Aggression Tor und Tür geöffnet. Werte-Verfall und daraus resultierend Krieg, ‚Amok‘ an Schulen und allgemeine Gewaltbereitschaft zunehmend mitten unter uns.


5.März 2014

Bei der aktuellen Krise in der Ukraine und der Furcht vor einem Krieg zeichnet sich schon heute ab, dass schon lange vor der gegenwärtigen Zuspitzung Gesprächsangebote nicht angenommen wurden. Der sich aus solcher Verweigerung entwickelnde ‚Energie-Stau‘ kanalisiert sich jetzt in militärischen (destruktiven) Szenarien!


 

Wir sehen immer nur zwei Wege

sich ducken oder zurückschlagen

sich kleinkriegen lassen oder

ganz groß herauskommen

getreten werden oder treten

 

Jesus du bist einen anderen weg gegangen

du hast gekämpft aber nicht mit waffen

du hast gelitten aber nicht das unrecht bestätigt

du warst gegen gewalt aber nicht mit gewalt

 

Wir sehen immer nur zwei möglichkeiten

selber ohne luft sein oder andern die kehle zuhalten

angst haben oder angst machen

geschlagen werden oder schlagen


Die gegenwärtige Affinität Jugendlicher für den islamischen Radikalismus erschrickt.
Kontrolle und Abwehr-Strategien werden diskutiert. Das ist verständlich.
Viele aber haben das Gefühl, dass der sich verbreitende Radikalismus an der ‚Wurzel (lat. radix) ‚geheilt‘ werden muss.
Die Wurzel ist krank? Mir ist diese Sicht hilfreich, weil sie eine Perspektive enthält:
Hinter Krieg, Gewalt, Terror und Radikalismus
verbergen sich entstellt die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung.
Die gilt es in Begegnung und Gespräch freizulegen und ihr eine Antwort zu geben.

Siehe auch
SOLIDARITÄT MIT DEN VERLIERERN


Du hast eine andere möglichkeit versucht

und deine Freunde haben sie weiterentwickelt

sie haben sich einsperren lassen

sie haben gehungert

sie haben spielräume des handelns vergrößert

 

Wir gehen immer die vorgeschriebene bahn

wir übernehmen die methoden dieser welt

verachtet werden und dann verachten

die andern und schließlich uns selber

 

Laßt uns die neuen wege suchen

wir brauchen mehr phantasie als ein rüstungsspezialist

und mehr gerissenheit als ein waffenhändler

und lasst uns die überraschung benutzen

und die scham die in den menschen versteckt ist 

Dorothee Sölle


Das Gegenstück zu Krieg
ist ‚Schöpferisch sein‘



Im August 2009 erschien in den Tageszeitungen diese Mitteilung
Winnenden – Opferfamilien wollen Treffen mit Eltern des Amokläufers

Nach den Briefen der Eltern des Amokläufers von Winnenden an die Angehörigen der Opfer wird es nun tatsächlich zu einem Treffen der Familien kommen. Die Eltern des Todesschützen Tim K. ( 17) hatten sich fünf Monate nach dem Amoklauf erstmals an die Familien der 15 Toten sowie der zwei schwer verletzten Polizisten gewandt.

Auszüge aus dem Schreiben: „Es fällt uns sehr schwer, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Wir möchten Ihnen nicht noch mehr weh tun. Wir befürchten, das Falsche zu sagen… Andererseits könnten Sie aufgrund unseres bisherigen Schweigens denken, dass unsere eigene Trauer um unseren Sohn und unsere zerstörte Existenz uns die Sicht auf das versperrt, was er angerichtet hat … Sie dürfen versichert sein, dass kein Tag vergeht, an dem wir nicht an Sie und all diejenigen denken, die durch unseren Sohn einen ihrer liebsten Menschen verloren haben … Es zerreißt uns, dass Tim sich uns nicht mitgeteilt hat … Wir wissen nicht, wie Tim zu dieser Tat fähig war. Nur eines wissen wir sicher: Die Pistole, die Tim benutzt hat, kam aus unserem Haus … Wir wissen, dass es uns an dieser Stelle nicht zusteht, für Tim oder für uns um Vergebung zu bitten. Wir möchten Sie aber wissen lassen, dass das Geschehene uns aus tiefstem Herzen leid tut.“ 4. August 2009.

Für mich ist dieser Schritt ein deutliches Zeichen dafür, dass wir keineswegs in den Destruktionen verhaftet bleiben müssen, sondern konstruktiv gestaltend tätig sein können. Die Familie gibt dafür ein ermutigendes Beispiel.

Unter ‚WAS ICH ANBIETE‘ finden Sie auch einen Beitrag zur PRÄVENTION –
HIER


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