Gesegnete Zweisamkeit

 Gesegnete Zweisamkeit ist mehr als Duldung

Taizé, 29. September 2010

Ich bin wieder in Taizé. Über vierzig Jahre ist Taizé in Frankreich für mich zu einer „Oase“ geworden. Vor mehr als vierzig Jahren fuhr ich erstmals mit Jugendlichen in dieses Dorf im burgundischen Land.  Ich kann in dieser Oase immer wieder neu mein Leben betrachten und erhalte aus Stille, Gebet und Begegnung Anstöße.

 

 Anrede 1

 

„Da hat ein Politiker von euch geäußert, dass der Islam zu Deutschland gehört“, sagt mir hier in Taizé eine Frau aus Österreich. Nach Hause zurückgekehrt, lese ich von der Äußerung unseres Bundespräsidenten anlässlich einer Feier zum 3. Oktober.

Wenige Tage zuvor sind wir hier in Taizé über einen Text aus der Bibel mit diesem Thema befasst. Ich habe die Anregungen aufgeschrieben und teile sie Euch hier mit.

Zweisamkeit ist häufig Grund für Konflikte. Sie erwachsen aus Vergleichen mit dem ‚Anders-Sein’. Das kennen wir aus unserem Beziehungs-‚Alltag’ in engerem und weiteren Sinne und es gibt viele Hilfen zu einer ‚gewaltlosen Kommunikation’.

Die Bibel beschreibt dieses Phänomen unseres Lebens in Bildern und ‚Familien’-Geschichten. Eine dieser Erzählungen ist die von Sarai und Hagar mit ihren Söhnen Isaak und Ismael.

Sarai und ihr Mann Abram haben entgegen der Verheißung, im Alter noch ein Kind zur Welt zu bringen, eine Vereinbarung getroffen, um den Fortbestand zu garantieren: Die Magd Hagar soll beiden einen Sohn gebären. Für unsere Ohren etwas anrüchig, für die damalige Zeit aber waren solche ‚Vereinbarungen‘ durchaus üblich. Die Rechnung geht auf und und auch der Konflikt ‚geht auf‘.

Hagar fühlt sich aus dem Magd-Status befreit und gerät mit ihrer Herrin Sarai in Konflikt. Diese empfindet das als unerträglich und fordert bei ihrem Mann die Lösung ein: „Entlasse sie!“

Der Konflikt verschärft sich, als Sarai ihrerseits schwanger wird und einen Sohn zur Welt bringt – Isaak. Sarai verschärft die Forderung: ‚Treibe diese Magd aus mit ihrem Sohn, der der Sohn soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak.’

P5107464_kleinVerfluchte Zweisamkeit?

Die Bibel erzählt statt dessen vom zweifachen Segen: „Nach Isaak soll dein Geschlecht sein“ (Genesis 21,12) und „aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem großen Volk machen.“ (Genesis 21,13)

Bei aller Konfliktträchtigkeit liegt Segen auf Zweisamkeit! Ist das auszuhalten? Die Botschaft lautet: Es gibt eine Anerkennung, die beiden gehört! Das ist die Botschaft. In der bildhaften Beziehungsgeschichte wird an keiner Stelle die Unterschiedlichkeit aus der Tradition in Frage gestellt. Vielmehr wird die Wurzel betont: „Weil der dein Sohn ist!“ (Genesis 21,13)

Heute stehen die ‚Abstammenden’ beider ‚Gesegneten’ einander gegenüber, versuchen sich das Anerkannte streitig zu machen, belauern sich wegen des Anderseins und verallgemeinern entstandene Auswüchse aus solcher Polarisierung.

Es gilt aber, die hintergründige Segnung zu entdecken und diese zu leben; das Anders-Sein als Chance einzigartiger Gemeinsamkeit zu begreifen! Darin liegt Perspektive und schenkt Weite der Möglichkeiten und des differenzierten Miteinanders. Eine ‚Zwei-Staaten-Theorie’ in Israel und Palästina steht unter diesem Segen. Und das Miteinander von Muslimen und Christen in unserem Land steht ebenfalls unter diesem Segen.

Segnung ist mehr als Duldung. Segnung kommt aus der Gemeinschaft mit ‚Gott‘, wie immer sich diese in unterschiedlicher Tradition ausdrücken mag. Diese Qualität entzieht sich jeglichem politischen Kalkül!

Die jüngsten Interventionen – von der klaren Aussage unseres Bundespräsidenten bis zu einem geplanten Universitäts-Studienganges zur Ausbildung islamischer Lehrer – möchte ich nur so verstehen.

ich grüße Euch herzlich!

Anrede2

 

Wenn ihr die hier erwähnte Erzählung aus der Bibel nachlesen möchtet: HIER

Wenn ihr Fotos aus Taizé anschauen möchtet, findet ihr sie HIER

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