Dritter Brief aus der Oase

DAHINTER SCHAUEN

Taizé, 22.Oktober 2009

Anrede 1

Ich bin wieder in Taizé.  Über vierzig Jahre ist Taizé in Frankreich  für mich zu einer „Oase“ geworden. Vor mehr als vierzig Jahren fuhr ich erstmals mit Jugendlichen in dieses Dorf im burgundischen Land. Ich kann in dieser Oase immer wieder neu mein Leben betrachten und erhalte aus Stille, Gebet und Begegnung Anstöße.   

Vordergründiges wird hier nicht in Frage gestellt – es kann und darf Ausdruck gegenwärtiger Lebensgestaltung sein. In solcher Offenheit aber liegt offenbar auch der Reiz verborgen, eigene Lebensgestaltung zu befragen, ob es denn so weitergehen soll.

WegTreppe

Diesem Reiz begegnen die Lebens-Umstände in Taizé bewusst. Es gibt das Angebot, ‚dahinter‘ zu schauen. Und es wird da sogar eine gewisse Lust geweckt.

Das bedeutet auch, in einer bestimmten Art zuzuhören und verborgene Botschaften aufzuspüren.

Besonders gilt das bei der Betrachtung von Texten aus der Bibel. Da gibt es erstaunliche Entdeckungen und diese laden geradezu ein, sie in die Praxis umzusetzen. Ich möchte das an einem Text-Beispiel verdeutlichen.


Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen geben, damit sie zu essen haben? Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote, und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, den Leuten zu sagen, sie sollten sich in Gruppen ins grüne Gras setzen. Und sie setzten sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie sie an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. Und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die Reste der Brote und auch der Fische einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten.

Markus-Evangelium 6, 30-44


Zwar ist es ein schöner Gedanke, sich diese Geschichte vordergründig so zu erklären, dass jeder der fünftausend Menschen etwas zum Essen in der Tasche hatte, sie alles Vorhandene zusammenlegten und so alle gesättigt wurden. Dem Hintergrund der Geschichte würden wir damit aber nicht gerecht.

Also, schauen wir ‚dahinter‘!

Angesichts der Notlage wollen die Jünger Brot kaufen. Die fast lapidare Antwort Jesu: Wie viele Brote habt ihr – geht hin und schaut nach! Und am Ende fallen zwölf Körbe ‚Reste‘ an, die eingesammelt werden.

Die Erzählung von der ‚wundersamen Brotvermehrung‘ ist keine ökonomische Parabel, sondern eine spirituelle Gleichnis-Erzählung.

Es geht in ihr um die ‚Mitte des Lebens‘, an der alle teilhaben sollen. Zunächst: Sie lässt sich nicht kaufen. Solche Aussage ruft schnell diese Reaktion hervor: Natürlich nicht!

Und dennoch: Angesichts des Mangels in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen stellt sich in übertragenen Sinne häufig die Frage: Woher bekomme ich das Fehlende? Und schnell suchen Menschen ‚draußen‘, wo die ganzen ‚Ersatz‘-Möglichkeiten geradezu darauf warten ‚gebraucht zu werden.‘ Auch spiritueller ‚Mangel‘ wird so kompensiert.

Diese Haltung treibt schleichend in Maßlosigkeit und  die innere Vereinsamung. Derartige Tendenzen sind  in ‚Krisen‘ zu beobachten und ich kenne sie auch aus unheilvollen Biografien von suchtmittelabhängigen Menschen.

Dieser Tendenz steht diese Aussage gegenüber: Den Mangel könnt ihr nur aus dem stillen, was ihr habt: Fangt mit dem an, was ihr habt! Die Besinnung auf das ‚Wenige‘ führt in die ‚Freiheit der Möglichkeiten‘.

Diese Sicht braucht allerdings Bedingungen.

Wo Menschen ihre ‚Mitte‘ entdecken sollen, bedarf es einer ‚geordneten‘ Gemeinschaft, die das ‚Hin-Hören‘, das ‚Auf-einander-hören‘, das ‚Miteinander-Teilen‘ ermöglicht und stützt. Von der ‚Ökonomie des Kaufens‘ zur ‚Ökonomie des Teilens‘. Das ist der Sinn von Gemeinschaft und ‚Gemeinde‘.

Bildhaft wird das  durch die überraschende Mitteilung unterstrichen, dass sich die Menschen auf ‚grünem Gras‘ lagern: Es ist das Bild einer Oase. In der Einsamkeit des Lebens wird Gemeinschaft zum belebenden Ort. Solche Gruppen sind ‚Hoffnungsverleihanstalten‘ sagt Fulbert Steffensky.

Die Botschaft heißt: Komm’ heraus aus Sinnentleerung, Desorientierung und Isolation und entdecke die Lebensmöglichkeiten, die in dich gelegt sind und die durch  Gemeinschaft belebt werden.

Nicht das Viele ist Ausgangspunkt fürs Teilen. Wir scheitern häufig daran, dass wir Ziel orientiert von einer Fülle von Zeit, von Geld, von Möglichkeiten ausgehen. Erst das Wachstum, dann die Möglichkeiten heißt die aktuelle politische Perspektive.

Die andere ‚Logik‘: In Wenigem ‚ruhen‘ Hoffnung und Gewissheit. Wirkliches Teilen entsteht aus dem Wenigen. In den (mit)geteilten Entbehrungen, dem ‚Durst nach erfülltem Leben‘, der nicht erfüllten Sehnsucht entsteht ‚Sättigung‘.

Diese Perspektive öffnen Gebet und Dank. Keine ‚Zauber-Formel‘ in fromme Worte gesetzt ist das, sondern eine Haltung! Erlebte ‚Entbehrung‘ wird ‚Erfüllung‘! In der Sprache des Glaubens heißt es so: Das Reich Gottes ist mitten unter euch!

Wie nebenbei wird dann davon berichtet, dass zwölf Körbe ‚Reste‘ eingesammelt werden. Die Fülle des Lebens aus Resten?

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Wir haben den ‚Resten‘ nachgesonnen, die herunter fallen. Sie fallen ‚absichtslos‘ – sie sind einfach da. Anders als die vielen ‚Absichten‘, die bedrängen und einengen können. Fulbert Steffensky geht sogar so weit, dass er einen Zusammenhang zwischen ‚Absicht‘ und ‚Gewalt‘ sieht. Liebe ist absichtslos. Sie ist da. Sie ist Ursprung.

„Welche ‚Brot-Reste’ blieben Ihnen im Leben schon einmal über? Reste von Ereignissen, Worten oder Begegnungen, die unbedeutend erschienen, aber Neues eröffnet haben?“

Das war eine der Fragen, der wir uns nach dem ‚Dahinter-Schauen‘ stellten. Ich gebe sie gern an Euch weiter.

Euer

Anrede2

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